MAX WEILER (1910 –2001)

DER ZEICHNER


Pinakothek der Moderne

Staatliche Graphische Sammlung München, 2012


Eröffnungsansprache, Gottfried Boehm


Mit der Zeichenkunst Max Weilers vertraut zu machen ist leicht und schwer zugleich. Leicht, weil diese Blätter voller Energien stecken, die sich spontan übertragen und schwer, weil man ganz von vorne beginnen muss, denn die grosse und grossartige Erfahrungswelt dieses Künstlers – in guten sechs Jahrzehnten gewachsen – ist hierzulande noch wenig bekannt. – Umso erfreulicher, dass diese Ausstellung möglich wurde.


Wir beginnen mit ein paar Hinweisen zu Weilers Konzept und zu seinen Voraussetzungen. Um uns dann auf die Machart dieser Zeichnungen einzulassen und auf das, was sie zu sehen geben.


Natürlich werden Sie zuerst fragen, wo sich dieser Künstler auf der kunsthistorischen Landkarte verorten lässt? Die üblichen Stil- oder Gruppen-Koordinaten, auch Kunstlandschaften (Weiler stammte aus Tirol) geben kaum Aufschluss, denn er gehört zum Stamm der „Eigen-Sinnigen“. Einer, der sich mit den Widersprüchen der Moderne gründlich auseinandergesetzt hat und auf einen ganz besonderen Weg gelangte. Entscheidende Anstösse erfuhr er vom grossen Aufbruch der Jugendbewegung – kurz vor und nach dem Zweiten Weltkrieg – der so viele Geister in der Mitte Europas entflammt hat. Er teilte deren anti-bürgerliche Zivilisationskritik und die damit einhergehende und neuartige Zuwendung zur Natur.


Wie viele grosse Begriffe, so ist auch derjenige der Natur extrem vieldeutig und Weilers Sicht bedarf einer Präzisierung. Natur war für ihn kein Gegenstand und kein Gegenüber, das darauf wartet mit Stift und Pinsel nachgeformt zu werden. Sie war auch kein Rückzugsort für Müde und Ausgebrannte. Vielmehr, was man seinen Erfahrungshintergrund nennen kann. Der bei allen möglichen Gelegenheiten zur Geltung kam: beim Blick aus dem Fenster, auf dem täglichen Spaziergang oder auf Reisen, und nicht zuletzt in seiner mit unzähligen Beobachtungen gesättigten Erinnerung, die er im Umgang mit seinen bildnerischen Mitteln im Atelier aktivierte. Was Sie in den Zeichnungen also vor sich haben ist nicht vor dem Motiv gemacht, sondern aus jenem reichen visuellen Potential geschöpft. Durch die Blätter geht ein Zug permanenten Wandels, alles ist im Fluss und erfüllt sich darin. Weilers Natur erstarrt nie zu Objekten, Endgültigkeit, auch eine schöne, ist ihr fremd – unendliche Permutation zeichnet sie aus. Natur ist Prozess.


Ihm begegnete er allerorten: im Wachstum der Blumen und Bäume, in Wind, Wetter und Wolken, in Wassertropfen und Rinnsalen, in Sand, Fels und Erden – aber auch in Schmutz und Abfall. Das Werden schliesst Zerfall und Zufall ein – weswegen er auch von der Glorie einer Mistlake“ sprechen konnte, oder davon, dass „Misthaufen Landschaften erzeugen“. Die grosse Intuition, die ihn getroffen und zeitlebens in Bewegung gehalten hat, war diese unvordenkliche Kraft. Noch das vollendetste Wesen liefert sie, diese Natur, dem Verschwinden aus. Tod und Vergehen wohnen in ihrem Herzen und sind doch nichts anderes, als der Keim neuen Lebens. Eine Sicht, die sich denkbar weit entfernt hält von der Natur als umfriedetem Paradies, als locus amoenus, Arkadien oder Idylle.


Weiler reservierte der Natur keine äussere Sphäre, die sich von der des Künstlers abtrennen liesse. Sie manifestiert sich noch in seinen Arbeitsmaterialien, in den Pigmenten, Ölen, fliessenden Emulsionen mit denen er hantierte, nicht weniger in Kohle, Tusche, Eitempera oder Graphit und in der Textur seiner Papiere. Mehr noch: Weiler hat eigens Arbeitstechniken und Bildordnungen entwickelt, die den Vorrang der Bewegung, der Formung vor der Form Nachdruck verliehen haben.


Es ist Ihnen vielleicht schon aufgefallen, dass in Weilers Zeichnungen die Vertikale dominiert. Die Natur als statische, waagrechte Landschafts-Bühne – das war seine Sache nicht. Es gibt nicht Halt und dann auch Bewegung, sondern: Alles ist im Fluss. Schluchten, Schründe und Abgründe sind ihm deshalb wichtiger als der runde Buckel der Mutter Erde. Der Betrachter sieht sich mit einem gewaltigen Gefälle konfrontiert, das sich immer wieder mobilisiert. Man kann es das grosse optische Kraftwerk dieser Blätter nennen.


Aus eben diesen Gründen sah sich Max Weiler mit den chinesischen Malern der Sung-Periode (des 11. Jahrhunderts) wahlverwandt. Denn sie hatten schon den Typ der Vertikal-Landschaft entwickelt und mit der Energie einer Leere operiert, aus der ihre Berge, Felsen oder Bäume jäh aufragten. Aber nicht nur die damit verbundene Rahmenlosigkeit und der panoramatische Überblick waren ihm vertraut, sondern auch ein gemeinsamer Geist. Im Gegeneinander unbetretbarer Höhen und abgründiger Tiefen erblickte Max Weiler eine verwandte Spiritualität. Sie verband über die Grenzen der Kulturen, Kontinente und Epochen hinweg, schuf eine frappante Nähe zu der sich Weiler gern und oft bekannt hat.


Die genannte Bildorganisation betrifft die Zeichnungen insbesondere der siebziger und achtziger Jahre – immer im Austausch mit den Gemälden. Ginge es nun um die ganze Entwicklung, dann müssten weitere Unterscheidungen und Kriterien eingeführt werden. Immerhin handelt es sich um ein Oeuvre von gegen viertausend Zeichnungen. Aber der Durchgang durch die Ausstellung wird Sie nun selbst schon auf diese historische Fährte bringen, ihnen auch zeigen, dass es sich um unterschiedliche Aufgaben handelt, um Skizzen, Studien, Fingerübungen, Erinnerungen oder Experimente, seltener um Vorzeichnungen und um die eigentlich bildmässigen Blätter.


Lassen Sie mich stattdessen auf ein Merkmal verweisen, das – cum grano salis – für Weilers Zeichenkunst in toto gilt. Er war, paradox gesagt, ein Zeichner gegen die Linie und mit dem Strich. Gewiss ist der Angriff auf ihre grenzsetzende und schön klingende Souveränität auch sonst seit dem 19. Jahrhundert zu beobachten: bei Delacroix, Seurat, Matisse, Morandi und vielen anderen – nie aber so.


Weiler geht nämlich auf ein prä-lineares Repertoire zurück, aus dem die Sichtmarke des Striches allererst entsteht. Aus der Nähe betrachtet sehen sie mitunter ein Gewitter aus Zeichen, ein Geschiebe aus formlosen Kürzeln, eine graphische Molekularwolke, die aus Häkchen, Schraffen, Krakeln, Kringeln, Zacken, Punkten, Flecken, Kritzeln, Knäueln, Bündeln oder Wirbeln besteht: eine Fülle von Graphemen, die sich der Sprache weitgehend entziehen. Und die verdeutlichen, dass mit dem Rückgang auf eine prämorphe Struktur Unschärfe Einzug hält: als ein produktives Agens, das den Blättern ihre unvergleichliche Kraft des Erscheinens gibt, die sich mit subtilen Lichteffekten verbindet. Es ist als würde gerade entstehen, worauf wir blicken. Was aber entsteht ist mit starken Valenzen an Vieldeutigkeit gesättigt.


Vor einigen Jahren erst sind unter den Dingen seines Ateliers die sogenannten „Probierpapiere“ identifiziert worden. Wenn sie auch für die Zeichnungen im engeren Sinne weniger wichtig waren, so werfen sie doch ein Licht auf seine gesamte künstlerische Position. Denn diese Papiere waren in technischer Sicht zunächst Abfall: nämlich Blätter, die dazu dienten, die Farbe aus dem Pinsel abzustreifen. Entsprechend boten sie sich als ein Allover farbiger Flecken dar. Aber Weiler hatte erkannt, dass diese artifiziellen Zufallsstrukturen genau mit jener Wahrnehmung zusammenstimmten, die er an der Natur gemacht hatte. Und er markierte geeignete Passagen, um sie in vergrössertem Massstab in Gemälde, seltener in Zeichnungen, zu übertragen. Mit anderen Worten: die Fülle der Natur entsteht innerhalb der Prozesse der Darstellung aus amorphen Graphemen, in einer Anordnung, die zwischen Zufall und Evidenz schwankt. Was wie Berg, Fels oder Baum aussieht ist aus ökonomisch gehandhabtem Abfall entstanden. Eben dies werden Sie sehen: wie aus prämorphen Spuren faszinierende Sichten auf eine stets unbewohnte Natur hervorkommen.


Zu Beginn hatten wir gefragt: wo ist Weilers künstlerischer Ort? Es bleibt dabei: er ist der Alleingänger in seinen Gebirgen. Aber er ist dies in guter Gesellschaft. Denn eine Vielzahl von Künstlern der Moderne hat das Naturverständnis der Tradition revidiert, andere Zugänge zur Realität gebahnt. Sie fragten: wie sähe die Welt aus, wenn sie nicht so wäre, wie wir sie zu sehen glauben? Wenn wir die Brille der Konvention ablegten? Dieser kritische Blick verstärkte sich noch einmal, seitdem man einsehen konnte, dass die menschliche Gattung selbst Produkt der Natur ist, dass der Künstler – und wir alle – Natur sind. Das erlaubt auch neue und distanzierte Blicke auf die dröhnende Maschinerie der Zivilisation.


Eine Naturauffassung, in der das Werden dominiert (Formung über Form) hat die Kunst der Moderne also immer wieder entwickelt. Man kann sogar von einer eigenen historischen Konfiguration reden. Mit stilistischen oder motivischen Verwandtschaften hat das rein gar nichts zu tun. Was verbände auf dieser Ebene schon – sagen wir – van Goghs magnetische Landschaften, Delaunay‘s Bildrhythmen, Franz Marcs Tiernatur bzw. Klees kosmische Genesis – mit Weiler? Nichts! Und dennoch!


Denn die Kunst der Moderne hat eine ganz andere Geschichte und einen anderen Zusammenhang. Viel hat er mit der Befähigung zu tun sich in Frage zu stellen, auf Voraussetzungen und Fundamente der Darstellung und der Erfahrung zurückzugehen, die Wurzeln zu ergraben und aus ihrer Kraft neu anzusetzen. Dieser Weg war auch derjenige Weilers. Seine Intuition erkannte in der Kraft der Natur zugleich auch die der künstlerischen Arbeit. Ein denkwürdiger Weg. Den wir hier vor Augen haben und in dieser Ausstellung nun selbst erproben können.