Max Weiler vor dem Bild "Himmelslandschaft" (1977), Wien 1978

Vier Wände 1973-1977

Museum Moderner Kunst Stiftung Lundwig Wien, 2004


1973 bis 1977 ensteht der Bilderzyklus Vier Wände. In den vier großformatigen Bildern realisiert Weiler das dreidimensionale Modell einer damals wie heute aktuellen spirituellen Beziehung zu einer mehr denn je gefährdeten Natur. Sein innovativer Gehalt ist offensichtlich: Weder der Typus „Landschaft“ noch die Idee einer in sich geschlossenen Bilderreihe, noch die erheblichen Dimensionen der vier Leinwände (sie messen jeweils 256 x 608 cm) entsprechen dem Kunst-Mainstream ihrer Entstehungszeit. Als einer der größten Bilderzyklen des 20. Jahrhunderts steht die Bilderreihe jedoch am Beginn eines neuen Kunstbegriffs, der künstlerische Analogien zur natürlichen Schöpfung als Alternative zu den gängigen Reflexen der hochtechnisierten Zivilisation in den Mittelpunkt des Interesses rückt.

Weiler malte die Bilder in seinem großen Atelier in der Akademie der bildenden Künste am Wiener Schillerplatz. „Ich bin nur ein Wandmaler, alles stelle ich mir als Wände vor, vor denen die Leute stehen, gehen, handeln, ruhen. Dazu habe ich mir die Mittel gemacht, gefunden, entwickelt“ – so beschreibt Weiler in seinen „Tag- und Nachheften“ 1977 eine Grundintention des Zyklus. Die Vier Wände zeigen vor allem eine Ästhetik des Unbestimmten, einen monumentalen Hymnus an den emotionalen Gleichklang mit Naturkräften, deren Wirkungsmacht jene des Verstandes restlos zu ersetzen scheint, ein Pathos des „Größeren“, das der Mensch nie erreichen wird.

Am häufigsten hat Weiler die Maler der altchinesischen Sung-Epochen (960-1276), Matthias Grünewald (1470-1528) und Caspar David Friedrich (1774-1840) als historische Bezugspunkte seiner Kunst genannt, diese Leidenschaften aber auch klar differenziert: „Ich mag die Chinesen des 10.-13. Jahrhunderts lieber als Caspar David Friedrich, weil sie die reinere Form für den gleichen Inhalt besitzen. – Friedrich ist Romantiker. Die Chinesen aber sind keine Romantiker, und auch ich bin es nicht. Dieses, wovon ich sage, es sei bei den Chinesen so vorbildlich gelöst, so wie man auch sagen kann, innen und außen stimmen genau zusammen, das fasziniert mich, und das vermisse ich bei Caspar David Friedrich. – Den unendlichen Atem hat ja nicht die Landschaft selbst, sondern wir empfinden ihr ihn an. Warum sollten wir ihn nicht in sie hineinlegen, da wir ihn selbst haben und uns in ihr ausdrücken wollen? – Wie ich sehe, ist diese Gabe eine seltene und auf die ganze Welt in großen Zeiträumen ausgestreute. Das ist die Ursache meiner Zuversicht, meiner Sicherheit und meiner Selbstgewissheit.“ (1972) Was diese Vorbilder verbindet, ist das völlige Aufgehen des Künstlers/Betrachters in einer Welt des Spirituellen, die sich vor allem in Naturstrukturen darstellt.

Die Vier Wände können auch als Gründungsbilder einer Naturrenaissance in der Kunst gesehen werden. Deutlich zeigt sich das beispielsweise im Werk von Per Kirkeby (geboren 1938), dessen abstrakte Monotypien der späten 1980er Jahre wie eine direkte Fortsetzung der Position Weilers wirken. Innerhalb der österreichischen Nachkriegskunst repräsentieren die Vier Wände ein Opus Magnum, das summarische Statement der Wiederaufbaugeneration in einer Wendezeit. Innerhalb der österreichischen Moderne stellen sie zudem die „monumentalste räumliche Expansion des Tafelbildes“ (Edelbert Köb) dar.

Nur zwei Mal wurden die Bilder ausgestellt: Erstmals 1978 in der Weiler-Ausstellung „Wie die Natur“ in der Wiener Akademie und 1979 im Klagenfurter Künstlerhaus, letztmals 2004 in einer von Edelbert Köb kuratierten und vom Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig organisierten Ausstellung des Zyklus. Max Weiler entschließt sich 1985, die beiden Bilder Ganz rechts lebendige Natur und Natur mit Caput mortuum an das Juridicum der Universität Wien für dessen eben fertig gestellten Neubau zu verkaufen. Die Bilder Über der Baumgrenze und Himmelslandschaft wurden 1992 für das Wiener Museum Moderner Kunst erworben. Alle vier Arbeiten befinden sich damit indirekt im Besitz der Republik Österreich.