Max Weiler als Angeklagter im Prozess wegen angeblicher Herabwürdigung des Bauernstandes, 1948. Links neben ihm Dominikus Dietrich (abgeschnitten), rechts der Fotograf Richard Wachert, Dr. Anton Brugger, Direktor des tiroler Bauernbundes und Chefredakteur der Tiroler Bauernzeitung und Dr Rudolf Kathrein, Redakteur der Tiroler Bauernzeitung

Max Weiler hat ein ungewöhnlich grosses öffentliches Oeuvre geschaffen. Es entstand, zumeist in Innsbruck, Tirol und Linz, veranlasst durch Aufträge, die durch die Kirche, kommunale Einrichtungen wie Theater, Kliniken oder Schulen, aber auch durch Private gegeben wurden. Insgesamt handelt es sich um mehr als 40 Werke, von denen hier nur wenige stellvertretend vorgestellt werden. Zuvor sollte man freilich wissen, dass Weiler, als er 1945 diese öffentliche Tätigkeit begann, die erst 1993/94 unter anderem mit den Wandbildern für das Casino in Innsbruck ein Ende fand, bereits intensiv an dieser Darstellungsform gearbeitet und über sie nachgedacht hatte. Innerhalb der österreichischen Jugendbewegung, der er zugehörte, war die Idee eines reformulierten Wandbildes, insbesondere für eine erneuerte Form der Liturgie aufgekommen. Weiler hatte dazu bereits Entwürfe geliefert, eine eigene Ausdruckssprache entwickelt, ohne dass ihm die Zeitumstände die Chance gelassen hätten, etwas davon zu realisieren. Immerhin war er auf grossformatige Wandbilder vorbereitet, sowohl technisch wie künstlerisch und geistig.


Als er kurz nach seiner Rückkehr aus dem Krieg 1945 den Auftrag erhielt, die Theresienkirche auf der Innsbrucker Hungerburg mit einem Dekorationsprogramm auszugestalten, konnte er an seine älteren Überlegungen anknüpfen. Dies geschah jetzt allerdings auf eine ganz neue Weise, die vom Erscheinungsbild seines religiösen Frühwerkes abwich. Um sakrale Bildthemen handelt es sich gleichwohl auch hier. Das Sujet wurde ihm vom Pfarrer des Stiftes Wilten, Dominikus Dietrich vorgegeben: in Gestalt einer Ikonographie aus der Herz-Jesu-Frömmigkeit, die in Tirol schon deshalb besonders aktuell geblieben war, weil das ganze Land, seit napoleonischen Zeiten dem Schutz dieses "Heiligen Herzens" anempfohlen war, ein sakrales Bündnis, das durch die Zeiten immer wieder erneuert worden ist und auch jetzt, nach überstandenem Krieg, wieder aufleben sollte. Im Zentrum steht die auf die Mystik zurückreichende "Imagination des Herzens Jesu", dessen exemplarische Güte und Leidensfähigkeit die Erlösung der Menschheit ermöglicht hatte und dessen Kräfte dem Frommen im Gebet erschlossen werden sollten. Die Bilderfolge besteht aus einer Darstellung der "Herz-Jesu-Verehrung", der "Ölbergsszene" samt "Johannesminne" und der "Kreuzigung Christi". Im Zentrum steht die erwähnte "Herz-Jesu-Sonne", ein Bild, das in einer kosmischen Bergszene die monumentale Erscheinung des gekrönten Herzens zeigt, das von sechs Engeln gehalten wird, eine Himmelsrose von abgründiger Macht und geheimnisvoller Fremdheit.


Max Weiler, der die Freskenfolge Bild für Bild entwickelt hatte, geriet recht bald in das Feuer einer heftigen Kritik. Ausgelöst wurde es einmal durch die ungewohnt farbkräftige, fauvistische Malweise, die dem Künstler z.B. die Freiheit gab, einem Kreuzigungsbild ein blaues Pferd einzuverleiben. Zum anderen war die Aktualisierung des Themas als anstössig empfunden worden. Weiler gruppierte Tiroler Bauern unter die Kreuzigungsszene und einem von ihnen gab er gar die Lanze in die Hand, die Christi Seite öffnete. Ein Sturm der Entrüstung brach los, der Weiler sogar wegen "Herabwürdigung des Bauernstandes" vor die Schranken des Gerichtes führte. Insgesamt ist dieser in den regionalen, nationalen und internationalen Gazetten ausgetragene Bilderstreit ein komplexes Ereignis gewesen, das als Symptom für konservative Mentalitäten, Modernisierungsprobleme und Kunstfremdheit gedeutet werden kann. Weiler, der unter diesen Ereignissen sehr gelitten hatte, wurde dadurch freilich auch berühmt. Die Freskenfolge, die er gesamtheitlich geplant hatte, konnte er nicht fertigstellen. Auch kirchlich verurteilt war sein Werk eine zeitlang sogar von Zerstörung bedroht. Er verhängte es sicherheitshalber mit Tüchern, die nach einem knappen Jahrzehnt der Beruhigung und der Gewöhnung wieder abgenommen werden konnten. Seitdem sind die zwischen 1945 und 1947 fertiggestellten Fresken wieder zu sehen. Sie repräsentieren eines der öffentlichen Hauptwerke Weilers und dasjenige Zeugnis, in dem sich seine zwiespältige Beziehung zum Land seiner Herkunft am deutlichsten manifestierte.

Innenansichten in der Theresienkirche in Innsbruck (links: Ostwand; rechts: Westwand)
Verehrung des Herzens Jesu, 1946
Fresko an der Westwand
700 x 765 cm
Entwurf zu "Verehrung des Herzens Jesu", 1945
Eitempera, Bleistift auf Papier
770 x 482 cm
Fresken der Ostwand
ca. 700 x 1800 cm
Johannesminne und Ölberg, 1947
Fresko an der Ostwand (links)
700 x 595 cm
Farbentwurf zu Christus und Johannes, 1946
Eitempera auf Papier
102,5 x 98,5 cm
Herz-Jesu-Sonne, 1947
Fresko an der Ostwand (mitte)
770 x 665 cm
Farbentwurf für einen Diakonengel, 1947
Eitempera, Bleistift auf Papier
111,5 x 77 cm
Lanzenstich, 1947
Fresko an der Ostwand (rechts)
700 x 585 cm
Entwurf für lanzenstechenden Bauern, 1946
Eitempera, Bleistift auf Papier
126 x 75 cm