Max Weiler in seinem Atelier in der Akademie, 1977

Die Umkehrung der Bildordnung, wie sie sich in den "Landschaften auf tönenden Gründen" vollzogen hatte, blieb auf die Jahre 1969 bis 1972, mit einzelnen Ausläufern bis ins Jahr 1973 beschränkt. Danach knüpft Weiler an seine alten Grundlagen wieder an. Von ihnen ausgehend entwickelte sich eine Arbeitsweise, die, auf den ersten Blick, durch eine besondere Lichthaftigkeit besticht. Die weiße Grundierung breitet sich auf zum Teil riesigen Flächen aus. Ihr treten weit verstreute und fließende Farbflecken entgegen. In einzelnen Fällen scheint das Licht alle Differenzierungen des Dinglichen aufzuzehren.

Weiler hatte sich klargelegt, dass seine Art der Naturdarstellung eine "Neuschöpfung der Natur ohne jede Naturähnlichkeit" bedeutet. Diese Beschreibung scheint nur auf den ersten Blick paradox. Die Ähnlichkeit zwischen dem Bild und der sichtbaren Welt wird jetzt durch die Malerei garantiert. Durch ihr Vermögen mit ihren Mitteln, auf ihre Weise einen Prozess in Gang zu setzen, der Schöpfung ist, aus dem optische Konstellationen entstehen, die sich "wie Natur" betrachten lassen. "Was ich jetzt mache, ist aus Eitemperafarbe geboren, aus den Lachen auf der liegenden Leinwand, aus dem Spritzen, Tropfen, aus dem Rinnenden, Verrinnenden, aus dem Gestockten, den Formen des Erstarrens, eintrocknender Farbe. Das sind die Mittel, die die Natur darbietet, und die setze ich ein, diese sind das Vokabular, mit dem ich rede, die Formen, aus denen ich Bilder mache, mit denen ich meine Vorstellungen realisiere ... Ganz ähnliche Kräfte haben die Welt gestaltet, darum ergeben sich ununterbrochen Parallelen, Ähnlichkeiten, Gleiches. Kunst, Elektrizität." (1973)

Auch der letzte Rest von dinglich Fassbarem ist verschwunden. Dennoch vermissen wir nichts, im Gegenteil. An die Stelle der Dinge sind nämlich die Elemente getreten, jene alten, seit der Antike bekannten vier Elemente des Kosmos: die Erde, das Wasser, die Luft, das Feuer. Wir sprechen dann von einem Element, wenn wir das Stoffliche, noch ungestaltete Ensemble der Natur umschreiben wollen bzw. einen einzelnen Bereich davon: alles was aus Wasser, aus Erde etc. gemacht ist. Die vier Elemente repräsentieren das in der Natur Mögliche, solches, das sich da und dort konkretisiert, seine elementarische Kraft und die Veränderlichkeit darüber aber nicht verliert. Elemente besitzen ein hohes Energiepotential und einen niedrigen Grad der dinglichen Differenzierung. Darauf deutet Weiler hin, wenn er die ominöse Bemerkung: "Kunst, Elektrizität" macht. Er gibt zu verstehen, dass es in seiner Malerei um Energien geht, um jenes unsichtbare Element, das die Moderne als elektrischen Strom in Gebrauch genommen hat. Auf die Elemente lässt sich auch seine Wendung "wie" (wie eine Landschaft) besonders gut beziehen. Sie bezeichnen so etwas wie ... so etwas wie Wolken, so etwas wie Wasser, wie Pflanzen usf.


Bemerkenswert ist der Umstand, dass sich die Bilder horizontal ausbreiten. Sie fließen gleichsam in die Breite. Der Horizont ist verschwunden, wir sehen uns als Betrachter in ein Geschehen involviert, dessen Distanz wir nicht abschätzen können. Trotz aller Betonung der Breite hat die Erfahrung, die wir an den Bildern machen, sehr viel mehr mit Höhe zu tun. Eine eigenartige Polarität, die der Vertikale eine unbestimmte, aber starke Macht verleiht. Sie besitzen eine frische und befreiende Fähigkeit, den Blick des Betrachters, weit über die Bildgrenze hinaus zu erheben.

Folgt man Weilers Notizen in den "Tag- und Nachtheften" dann verbindet sich dieser Aufmerksamkeit gegenüber der fluidalen Qualität der Natur, eine gleichgewichtete Aufmerksamkeit gegenüber dem "Unterbewussten". Man geht nicht fehl in der Annahme, dass der Fluss der Elemente, der sich jeweils zu einem Ganzen organisiert, mit dem Fluss der Erinnerungen, Gefühle und Einsichten zusammenklingt, der sich im inneren Bewusstseinsstrom entwickelt. Äußere und Innere Welt: ein einziger Wirkungsraum. "Denn wir sind in Wirklichkeit so alt wie die Welt selbst und kennen uns (die Luft, die Nacht, den Stein, die Pflanze und das Tier und so fort) so gut wie lang – irgendwo tief unten – und haben noch Ahnungen ..." (1975)

Blaue Bäume und Purpurhimmel, 1973
Eitempera auf Leinwand
130 x 105 cm
Sammlung Univ.-Prof. Dr. Otto Dapunt
Blauer Berg mit herbstlichem Laubbaumgürtel, 1974
Eitempera auf Leinwand
100 x 195 cm
Sammlung ORF, Wien
Moos in der Mitte, 1975
Eitempera auf Leinwand
200 x 198 cm
Ganz rechts lebendige Natur, 1973
Eitempera auf Leinwand
256 x 608 cm
Universität Wien, Juridicum
Natur mit Caput mortuum, 1974
Eitempera auf Leinwand
256 x 608 cm
Universität Wien, Juridicum
Neue Natürlichkeit. Wasser, 1976
Eitempera auf Leinwand
200 x 200 cm
Saum des Hügels, 1976
Eitempera auf Leinwand
200 x 198 cm
Gemäldegalerie der Akademie der bildenden Künste, Wien
Himmelsgegend, 1976
Eitempera auf Leinwand
200 x 198 cm
Über der Baumgrenze, 1976
Eitempera auf Leinwand
256 x 580 cm
Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien
Himmelslandschaft, 1977
Eitempera auf Leinwand
256 x 608 cm
Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien
Die Wolken dieser Landschaft, 1977
Eitempera auf Leinwand
200 x 198 cm
Große Landschaft mit Hügel, 1977
Eitempera auf Leinwand
100 x 200 cm
Himmel und Wolken, 1977
Eitempera auf Leinwand
200 x 198 cm
Baum und Stein, 1977
Eitempera auf Leinwand
100 x 200 cm
Umbrabaum, 1977
Eitempera auf Leinwand
200 x 198 cm