Max Weiler mit einem Bild aus "Als alle Dinge ...", 1961

"Als alle Dinge in tiefem Schweigen lagen und die Nacht in der Mitte ihres Laufes war, da kam vom Himmel, vom königlichen Throne, O Herr, Dein allmächtiges Wort."


Meister Eckhart, der diesen Satz aus dem Buch der Weisheit (18, 14.15) übersetzt hat, spielt damit auch auf die Inkarnation, d.h. auf die Weihnachtsgeschichte an. Auch für Weiler steht die Bilderfolge, die er dieser Sentenz widmete, in diesem Kontext. Das Thema war bereits mit dem "Weihnachtsbild von 1934" und mit dem Gemälde "Sein (Malerei – oben roter Fleck. Als alle Dinge in tiefem Schweigen lagen)" von 1960 (siehe Kapitel:"Chiffrierte Erkundungen") vorbereitet.

Das alte monumentale "Weihnachtsbild" (350 x 200 cm) von 1934 (siehe Kapitel: "Anfänge und Neuanfänge") auf drei montierte Sperrholzplatten gemalt, zeigt eine frontal sitzende männliche Figur, die eine Frau mit Kind auf dem Schoße hält. Der Schöpfer, der die Schöpfung trägt, entscheidet sich, als "die Nacht in der Mitte ihres Laufes war", sein allmächtiges Wort zu sprechen. Die Figurenkonstellation deutet darauf hin, dass die Schöpfung fürsorglich getragen ist, dass die Erlösung nicht nur den Menschen betrifft, sondern die gesamte Natur, den Kosmos. Auf der Rückseite des "Weihnachtsbildes" von 1933 (siehe Kapitel: "Anfänge und Neuanfänge") findet sich zum ersten Mal jener Satz aus der Weisheit Salomonis, den der Künstler der Bildergruppe von 1960/61 zugrunde gelegt hat.


Nach der Erfahrung auf der venezianischen Biennale 1960 ging der Künstler auf dieses geistige Zentrum seiner Arbeit zurück und entfaltete daraus in einem reichlichen Jahr eine Sequenz von insgesamt 29 Bildern, deren wechselseitige Zuordnung daraus resultiert, dass Weiler jedes Wort des Satzes einem der Gemälde als Titel beifügte, wobei "Dinge" zweimal repräsentiert worden sind.

Schon der erste Blick zeigt, dass Weiler nicht den Versuch macht, die sprachliche Sentenz zu illustrieren. Eher geht es ihm darum, mit den Mitteln der Malerei jenes namenlose, die Vorstellung sprengende Geheimnis zu evozieren. Es geht um eine Folge von Meditationsbildern, die den Betrachter in die Lage versetzen, aus sich selbst jenes Unnennbare aufzubauen. Weiler hat die Bilderfolge mit einem künstlichen Wald verglichen, "die Tannen, Fichten, Föhren, Eiben und der stille Wald, in dem der Mensch ganz allein ist". (1972) Als die Sequenz Ende 1961 erstmals in der Tiroler Handelskammer in Innsbruck ausgestellt wurde, hingen die Bilder frei im Raum, sie fügten sich zu einer Meditationsstraße. "Dann dachte ich an einen gewundenen Gang", bemerkt Weiler, " – bald breiter, bald enger werdend, einen Gang zum Meditieren, aus rohem Beton und Asphalt am Boden, oben Lichtlöcher. Für diesen Gang machte ich die Bilder. Immer wieder sucht der Gehende, wenn er seinen Blick erhebt, das Herabströmende oder das Auffangende in allen Farbkombinationen."

Im selben Jahr erhielt Weiler den Großen Österreichischen Staatspreis. Seine Kunst hatte jetzt die lange entbehrte, nationale und zum Teil auch internationale Anerkennung gefunden. 1964 folgte der Ruf an die Wiener Akademie der bildenden Künste und damit der definitive Wechsel des Lebensortes.

Als, 1960
Eitempera auf Leinwand
230,5 x 115 cm
Alle, 1960
Eitempera auf Leinwand
195 x 205 cm
Dinge II, 1960
Eitempera auf Leinwand
205 x 195 cm
Essl Museum Klosterneuburg/Wien
Schweigen, 1960
Eitempera auf Leinwand
230,5 x 115 cm
Nacht, 1961
Eitempera auf Leinwand
115 x 230 cm
Belvedere, Wien
Laufes, 1961
Eitempera auf Leinwand
205 x 195 cm
Essl Museum Klosterneuburg/Wien
Kam, 1961
Eitempera auf Leinwand
155 x 115 cm
Himmel, 1960
Eitempera auf Leinwand
205 x 195 cm
Throne, 1961
Eitempera auf Leinwand
230,5 x 115 cm
O, 1961
Eitempera auf Leinwand
230,5 x 115 cm
Herr, 1961
Eitempera auf Leinwand
230,5 x 115 cm
Allmächtiges, 1961
Eitempera auf Leinwand
155 x 115 cm
Wort, 1961
Eitempera auf Leinwand
155 x 115 cm