Max Weiler in seinem Wiener Atelier, 1990
(Foto: Sepp Dreissinger)

Einleitung


Max Weilers Tag- und Nachthefte, die er während dreißig Jahren (1960—1991) geführt hat, sind außerordentliche Texte, eröffnen sie doch unmittelbare Einblicke in die innere Arbeit des Künstlers und in die allmähliche Verfertigung seiner Bilder. Der gesamte Stoff seiner Interessen spiegelt sich in ihnen, Reflexionen über seine Herkunft, die Künstlerexistenz unter Bedingungen von Anfechtung und Missachtung, seine symbiotische Beziehung zur Natur, Fragen der Gestaltung und des Gelingens, von Gott und der Welt, den ersten und letzten Dingen.

In ihrer Gesamtheit immer noch unveröffentlicht verschafft diese Auswahl einen Zugang zu dieser geistigen Werkstatt Max Weilers. Die Gedanken fließen. Oft sind es nur einzelne Zeilen, in denen sie sich formulieren, mitunter mehrere Sätze, selten knappe Texte. Max Weiler pflegte eine offene Form, Selbstgespräche, über die Erfordernisse des Tages und langfristige künstlerische Ziele. Die beigefügten Daten verweisen nicht nur auf eine Chronologie, sondern auf den existenziellen Grundton dieser Texte. In ihnen klingen viele Stimmen, jene der Nachdenklichkeit, der Trauer und Wut, der Verletzung, des Überschwangs, der Hoffnung und Sicherheit, der sarkastischen Kritik oder des affektiven Ausbruchs. In diesem facettenreichen inneren Register spiegelt sich die sinnliche und geistige Welt dieses großen Malers wider.


Die Tag- und Nachthefte zeigen die andere Seite seiner Bilder, das Wurzelwerk, aus dem sie hervorgegangen sind. Die Spannung wird nacherlebbar, die diese Künstlerexistenz angetrieben hat. Gleichzeitig sind sie ein Stück Literatur. Nicht Traktat, Manifest oder Erklärung, vielmehr sind sie sprachmächtige Selbstgespräche, deren funkelnde Formulierungen, überraschende Einsichten und weitgehende Gedanken die Welt des Malers nicht über das Auge, sondern das Ohr erschließen.



Bemerkungen zur Zeit


Man forderte mich so 1953 auf, dem Artklub beizutreten. Ich mochte nicht. Man lud mich ein, der Secession beizutreten. Ich mochte nicht. 1937 lud man mich ein, einer Innsbrucker Kunstvereinigung beizutreten. Ich mochte nicht. (11.9.74)


Die Gesellschaft, die viele auf dem Gewissen hat, die Schiele auf dem Gewissen hat, die kein Gewissen hat, und davon nicht einmal ein Wissen hat und dies nicht einmal merkt, sie läßt nicht zu, daß ihre Tabus gestört werden. (13.11.68)


Die Leute, die hier in Wien als gut gelten, müssen soviel für ihr Prestige tun, daß es ein Wunder wäre, wenn sie wirklich gut wären. (28.1.1980)


Es geschieht hie und da das, was ich als Erfolg achte, wenn ich gelobt werde, wenn Kritiker gut schreiben, wenn gut verkauft wird. Aber der echte Erfolg ist das, was gut gelingt. (12.11.62)


Ich tue etwas für eine imaginäre Gesellschaft, d.h. für viele einzelne, die durch mich erst eine Gesellschaft werden. (4.5.73)


Und es wird nichts und geschieht nichts, was man nicht selbst macht. (1.1.73)


Es kommt vor, daß jemand von seiner Zeit oder einigen Tonangebern seiner Zeit verachtet wird. Das dauert so lange, bis diese Zeit samt ihren Tonangebern von der nächsten Generation verachtet wird. Und das tritt sicher ein. (6.6.71)


Was eine Epoche für gut hält, hat mit ihren Vorurteilen zu tun, nichts mit der Wirklichkeit. (26.5.72)


Ich wollte immer schon die Leute angreifen, zu Zeiten der Akademie ebenso, wie bei den Fresken auf der Hungerburg, wo ich den Tirolern eine Passion erzählen wollte, aber auch in den Fresken am Innsbrucker Hauptbahnhof, wo ich zu den Leuten reden wollte. Damals hat man mich nicht gern gehört. (1977)


Meine Hoffnung ist der stete Wandel. Das herrschende Kunstgesicht dreht sich schon dem Abend zu. Es hat wenig Herneigung zu mir und ich wenig Herneigung zu ihm. (1986)


Ich habe das ganz sichere Gefühl, daß wir schöpferischen Menschen in einem ganz großen unterbewußten Zusammenhang stehen. Wir haben teil an einem Unterbewußtsein, das weit über die Gegenwart hinausreicht, teils in die Vergangenheit, teils in die Zukunft. Einem Unterbewußtsein, dem Menschen unterworfen waren, dem Menschen unterworfen sind und dem Menschen unterworfen sein werden. (19.7.78)


Ich glaube an meine Aufgabe, an das, wozu ich unstreitig gemacht bin, wozu mich alle Verhältnisse hingedrängt haben. Was die ewige Energie vorhat, das ist bedingungslos durchzuführen. Ich glaube an diese Entwicklung und diesen Ausgang. (16.2.73)


Früher dachte ich viel, wenn ich Bilder malte. Heute nicht mehr. Wenn ich denke, schreibe ich es gleich auf, d.h. es wird Schrift. Ich schreibe mehr, aber Bilder kommen aus einem anderen Teil meines Wissens. (17.4.75)


Es ist keine Utopie, daß ich tiefer an den Wurzeln bin, weniger sichtbar. Es ist so, daß ich mich lieber verborgen halten möchte, ganz von der Seite allerdings heftig eingreifen möchte, von hinten her, unsichtbar, aber durchdringend. (27.1.83)


Ich habe eine Nische in der Kunst auszufüllen. (29.5.83)


Die Nische, die ich besiedelt habe, ist keine Nische, sie ist ein Kontinent. (22.10.86)


Ich habe mit dem Trend der Zeit gearbeitet, mit Erfolg, und gegen den Trend, auch mit Erfolg, und habe ohne Gedanken an die Zeit und ihren Zwang einsam gearbeitet, weil es mir gefallen hat. Dieses war ohne Erfolg, und ich bin einsam in der Einöde. Es gibt Menschen und Dinge, die mich, achtlos wie ich bin, beeindrucken wollen. Scheinbar, nur scheinbar. In Wirklichkeit bin ich allein und achtsam geworden, verachte diese Beeindrucker und finde sie nicht mehr. Und sie verschwinden, sind verschwunden. (11.3.72)


Je höher der Berg von Vorurteilen ist, den er aufhäuft, um so größer scheint der Mann. Der nächste große Mann versetzt dann diesen Berg. (26.7.81)


Die Zeit ist eine mächtige Walze. (1.10.81)


Ich konnte 1938 nur mehr Selbstportraits machen mit der Aufschrift: Über mir ist der Himmel dunkel. (24.2.61)


Dies Militär war mir das Verhaßteste meines Lebens. Eine untermenschliche Angelegenheit, ich war dort von 1942 bis 1945. Ich hatte eine solche Ablehnung gegen dieses Unwesen, daß ich völlig passiv im untersten Grad als Gefreiter geblieben bin, bis zum Ende. (15.6.74)


Ich haßte nichts so sehr wie das Militär, die Todesmaschinerie und ich fürchtete es. Ich habe versucht, so wenig wie möglich damit zu tun zu haben, und ich ging bei der ersten guten Gelegenheit nach Hause. Ich war zu nichts verpflichtet, ich schwor keinen Eid, da ich bei der Eidesleistung ohnmächtig wurde. (27.5.80)


Früh ahnte ich, daß wir in bezug auf künftige Bedeutung nie besser aufgehoben sind, als wenn wir im Gegensatz zu den Tendenzen der Zeit stehen. (5.6.87)


Es wird der Tag kommen, da werde ich kostbar sein. (22.8.62)



Anschauung der Natur


Das erste, was mir aufdämmerte, war die Schönheit und Wärme der Sonne. Aus den Gefühlen der Geborgenheit, der Liebe und der Sättigung zogen Paradiesengel herüber in das bewußte Leben. (22.5.70)


Ich möchte eine Natur erzeugen, die so lebendig ist wie die wirkliche, voller Zufall und doch geordnet. Willkür und Ordnung - und ganz aus den künstlerischen Mitteln entstanden. Aus meinen Mitteln eine phantastische und unendliche Landschaft. (1965)


Es ist eine gewisse Zartheit vonnöten, ein scheinbarer Naturalismus, eine scheinbare absolute Ähnlichkeit mit der Natur. Vor allem keine Vergewaltigung, weil dies das Verhältnis stören würde. Bei mir selbst ist es eine Neuschöpfung der Natur, ohne jeden Naturalismus, ein Neuhervorbringen von Baumartigem, Grasartigem, Wolkenartigem, Erdartigem, Blumenartigem, Luftartigem. Aber das Einzigartige ist dies, daß es nichts Abgemaltes, nichts Abgeklatschtes ist. Daß es keine Verwandtschaft mit dem Naturalismus oder auch der Naturmalerei der Romantiker hat. Am ehesten habe ich Gemeinsames mit der Art der Chinesen, die sich auch, nachdem sie das Naturerlebnis hatten, ihre Formen selbst machten, d.h. schon gelernt, parat, überliefert hatten und sie nur einzusetzen brauchten. Ich selbst gehe weiter. Da ich kaum zweimal dieselben Formeln nehme, wenn auch Ähnlichkeiten nicht zu umgehen sind. Ich mache die Lüfte, Stimmungen, Bäume, Gräser und ähnliche Dinge der Natur mit meinen eigenen Formeln. Wer kann das sonst? Sie aber, die Natur, läßt ihre Stimmungen, ihre Übereinstimmungen mit dem Inneren des Menschen nicht wirken bei zu großer Vergewaltigung ihrer Formen. Dann zieht sie sich zurück und läßt ein amüsantes, auch gutes Bild zurück, aber hat sich mit besten Grüßen empfohlen. (17.11.72)


Wenn ich in der Natur stehe, so überkommt mich eine ungemeine Erhebung. Ich schaue, sehe und verschiedenste Tages- und Jahreszeiten, verschiedenste Gegenden ergreifen mich. Ein Gefühl der Vereinigung mit der Natur erfaßt mich. Sie wird für mich wie durchsichtig. Ich bin einbezogen in ihr webendes Sein. Eine große Ruhe strömt aus dem weiten, erfüllten Raum, die vollkommenste Zufriedenheit – Freude des Aufgehens in einem ungeheuren, erhabenen Geschaffenen. Ungeheurer Respekt vor einer solchen Schöpferkraft. Grenzenlose Verehrung. Dies scheint ein Weltgefühl zu sein. Es wird bei Künstlern verschiedenster Zeiten sichtbar, fast immer gleich, großartig bei den Chinesen des 10.—13. Jahrhunderts. (18.11.73)


Nicht vergessen: Es dreht sich oft um die Verlagerung der Naturgefühle von Kälte, Wolken, Regen, Hagel, Gewitter, Nebel, Schnee, Eis in die Seelenlandschaft. Gefallen sie mir dort in der Natur, gefallen sie mir auch in der Seele. Man muß sich nur gut anziehen. (19.3.80)


Daß ich unbewußtes Sein in der Gestalt von Erde, Berg, Wolken und Pflanzen bilden kann, das ist eine große Belastung meiner Bilder und bringt mir von einigen Leuten Verachtung ein. Es ist aber wahr, daß man ohne einen Schatten von Verachtung heute nicht mit gutem Gewissen arbeiten kann. (20.4.80)


Die Beschäftigung mit der Natur bringt eine gewisse Freiheit, Überlegenheit gegenüber den Modezwängen in unserem Bereich. Sie macht den Geist freier. (4.3.81)


Es begibt sich ein weiter Horizont, und auf der weißen Fläche breiten sich wohlverteilt die Farben aus und werden Berge, Steinstrukturen aus Titanweiß und Oxydschwarz, Flechten, Moos- und Gräserformen aus Böhmischer oder Veroneser grüner Erde oder Chromoxydgrün stumpf und Ocker verschwimmend oder dick... Nebel aus Titanweiß, Oxydschwarz und Coelinblau mit viel Wasser ziehen auf der Fläche hin, wie es die Natur tut. (1970)


Die Natur ist mir eingeprägt in Hirn, Nerven und Blut. Ich verehre die Schöpferkraft, ich verehre und liebe das Leben, Glockengeläute verzaubert mich. (undat.)



Die Arbeit am Bild


Für immer: Es gibt keine künstlerische, malerische Autorität, nichts, wonach ich mich umschauen darf. Ich verlasse mich auf mich allein. (18.11.60)


Ich mach' mir meine Mode selber. (15.10.71)


Vor nichts darf ich Respekt haben, nur vor dem Bild. Vor nichts. (19.7.63)


Meine Wirklichkeitssehnsucht führt mich von den Dingen, die sichtbar sind, zu solchen, die nicht sichtbar und doch wirklich sind. Diese versuche ich sichtbar zu machen mittels Farben und Farbverteilung. (21.2.61)


Es ist meine Aufgabe, zur modernen Kunst etwas beizusteuern, das ihr fehlt. Was ist es? Sie können es lesen, es ist die Übereinstimmung mit dem großen Leben des Kosmos, eine gewisse Passivität zugunsten einer ungeheuren Wirkkraft des Unbewußten, eine asiatische Welterfahrung, die die unbedingte Ergänzung dieser europäischen Schau ist. Auch sie ist die Wirklichkeit. Das sage ich für die Einsichtigen unter den Kunstmenschen, und denen gehört die Zukunft. Man ist ein Geschehen, das sich nicht selbst beurteilt. Es ist wirklich nötig, eine ganz prägnante Ausdrucksweise zu finden. Wille und Instinkt, und ganz deutlich unter den Ausdrucksarten der ganzen Welt zu sein – ganz eindeutig. (16.12.67)


Die wirklich wesentlichen Dinge, die man aussagt, drücken sich nicht im Inhalt des Bildes, sondern in seiner Form aus. Diese muß man erkennen. Diese Form sagt das wirklich Wesentliche über den Maler aus. Meine Form: das Schwebende, Luftige, das nicht Fleischige, Steinerne, das nicht vom Menschen Handelnde, nicht Wuchtige, Schwere, Blutige. Das Pflanzliche. (6.11.73)


Die Bilder, direkt aus der Natur gemacht, wie ein neugeborenes Kind, ohne direkte Tradition: Das gehörte zu meinem Traum. Die Inspiration und die Ausführung in einem neuen, nicht abgegriffenen System. (6.5.72)


Bilder mache ich am Tage, in der Nacht kommen mir Gedanken über das Leben und die Welt. (8.11.80)


Ich möchte ja auch weniger ein Maler als ein Bildermacher sein, das Pinselschwingen mag ich gar nicht. (25.12.77)


Ich bin ein durchaus sinnlicher Maler, alles, was ich ausdrücken will, ist in erster Linie ausgedrückt durch die Art und Weise, wie ich die Malfläche bemale, wie die Striche darauf laufen und wie die Farben darauf liegen. Damit kann man alles sagen, und damit sage ich auch alles. Und wer Augen hat, zu sehen, der sieht. (16.10.86)


Man kann nicht international malen, sondern nur internationale Anerkennung erhalten. (14.9.70)


Für mich erweist sich die Mitwelt als ein sehr, sehr harter Stein, wenn ich meine Arbeit mit einem Bildhauer vergleiche. (5.3.77)


Ich habe mir Zeit verschafft, ich habe mir sogar Langeweile verschafft. Aus der großen Zeitmenge, aus der langen Weile mache ich meine Sachen. Ich habe alles abgeschafft, was stört. Gewohnheit hat alles Sensationelle auf meinem Weg hierher weggeschafft. Ich habe mich einsam gemacht, und niemand will etwas von mir, und es ist große Ruhe. Und die einzige Sensation, Neugierde, Leidenschaft, das einzige Vergnügen, das einzig Spannende, Aufregende ist das Bild, an dem ich arbeite: Ob ich's so hinbringe, wie ich denke, wo ich aufhören muß. Diese hundert Entscheidungen, Versuche, dieses Entstehen, Herauskommen aus dem Grund, dieses Trocknen, wieder Übermalen, dunkler Machen, deutlicher, kurz dieses Vergnügen aus dem sicheren Gefühl heraus. (24.1.73)


Ich arbeite völlig auf ein Zutrauen zum Unterbewußten hin. Ich führe alles höchst verständig überlegt und fachgemäß aus. Es stimmen die Abstände, die Gewichte der Farbmassen genau. Es ist die Malerei mit den Eitemperafarben sicher und solide, die Pulver sind einwandfrei lichtecht und gut. Aber was es ist, das ist mehr, als ich verstehe, das ist etwas, was sich in mir seit 30 oder 60 Jahren hinunterwebt und mit dem ich jetzt als mit einem Sicheren arbeite. Einem Sicheren, das da ist, auf das ich nicht achten brauche, das so stark ist wie diese Pilze, die, so zart sie sind, den dicken Asphalt vor meinem Atelier in die Höhe gehoben haben, den ich mit dem Pickel von oben her nicht aufhacken konnte. (31.10.76)


Ich benutze auch den Ausdruck Traum in bezug auf den Beweggrund meiner künstlerischen Tätigkeit. Gedanken haben, Ideen haben, Gedachtes nimmt Gestalt an, Ideen werden Wirklichkeit. (12.7.78)


Die Mal- und Zeichenfläche ist der Grund dieses Berufs, unseres Geschäfts. Was sich darauf abspielt, ist das Wichtige. (17.1.77)


Ich mache das, was ich male, weil's mich freut und ich nichts anderes kann. Ich hoffe, die alle zu finden, die's auch freut. (9.6.77)


Ich habe nicht gewußt, daß das Verkannte-Genie-Bewußtsein so angenehm ist, daß ich ungern daraus herausgerissen werden will. (30.1.61)


Es gibt keine erbärmlichere Haltung als die, von Fremden das Urteil über die eigene Leistung zu erwarten. Die eigenen, angemessenen Schöpferkräfte erkennen, kann nur ein eigener, schöpferischer Geist; denn es heißt, sich erkennen, sich darstellen. (25.10.79)


Das Menschliche ist ja nicht nur das Äußere, das Gesicht, der Körper, sondern mehr noch das Innere. Nur das Äußere zu sehen, ist eben unmenschlich. (1961)


Ich spiele mein Spiel. Ich bin nur ein Wandmaler, alles stelle ich mir als Wände vor, vor denen die Leute stehen, gehen, handeln, ruhen. Dazu habe ich mir die Mittel gemacht, gefunden, entwickelt. (4.1.77)


Bin ich abgeschieden, dann richtig, wach und bewußt. Denn solange ich es bin, gibt es keine andere Sehnsucht. Abgeschieden bin ich und Abgeschiedenheit ist meine Losung, ist mein Werk. (1961)


Zweimal habe ich versucht, die Fläche zu sprengen und aus den Bildern einen Raum zu machen oder mit flächigen Bildern in den Raum zu greifen. 1961 mit dem Weg der Meditation Als alle Dinge in tiefem Schweigen lagen. Und das zweite Mal mit den Raumbildern, wo ich das Bild mit vielen Flächen in den Raum hinausgreifen lasse, daß es dem Menschen entgegenkomme. (1972)


Aus meiner Kindheit fielen mir Bilder ein, die man herausklappen konnte. Man klappte sie auf, es gab einen leichten Widerstand, und dann kamen ausgeschnittene Pflanzen, Bäume, Tiere, Häuser und Menschen zum Vorschein, eine Krippe, ein Märchen. Daraus wollte ich etwas für mich machen. (1975)


Gut war es, wenn James Joyce zu Homer zurückging. Ich gehe zu den Sung-Chinesen zurück. Ungeachtet dessen, daß diese Geist wollten, Sein ausdrücken. Sie hatten auch die formalen Mittel dazu. Diese haben sie ganz einfach gelernt, diese sind ganz einfach, klar und zutreffend. Bei dem heutigen Drunter und Drüber suchte ich eine ähnliche, ganz rationelle, einfache Formensprache. Auch für Geist. Das ist alles. (01.73)


Ich bin gezwungen, etwas Besonderes zu malen, einen besonderen Gehalt, einen besonderen Inhalt, eine besondere Form. Gezwungen, das allein zu machen, gezwungen, allein zu bleiben. (4.10.72)


Ausgesondert bin ich, hier in Tirol hause ich näher dem Zentrum Europas und weit weg zwischen Bergen in einer Schlucht, wie ein Sung Maler. Ich schaue über alles hin, aber mische mich nicht ein. Ich bin allein. (02.62)


Ich habe das Geistige, das Landschaftsgefühl, das Gefühl der unendlichen Landschaft, das Gefühl des in der Landschaft spürbaren Unendlichen-Mystischen, das die Sung-Chinesen und Grünewald und C.D. Friedrich haben, durchgesiebt, durchgehammert, geknetet und zu einer reinen Form gebracht - also verwirklicht, wirklich gemacht. Und darum werde ich lange dauern, wenn alle schon verschwunden sind wegen ihrer Leere, der krampfhaften Umformung der Leere. Den unendlichen Atem hat ja nicht die Landschaft selbst, sondern wir empfinden ihn ihr an. Warum sollten wir ihn nicht in sie hineinlegen, da wir ihn selbst haben und uns in ihr ausdrücken wollen? (1965)


Still, nicht laut, eindringlich, nicht mächtig, überzeugend, nicht auftrumpfend. Diese Chinesen aus dem 12. Jahrhundert, diese Sung-Landschaften, Wang Wei, machten mir großen Eindruck, und dieser Grünewald. Wegen des Webens des Unendlichen, der Ahnungen. (8.1.68)


Ich habe heute im Saal der Landschaften des Belvedere, wo zwei Bilder von Adalbert Stifter hingen, bemerkt, daß diese beiden Bilder die besten unter all diesen Bildern sind. Die Natur spricht aus ihnen am unverhülltesten. (16.12.73)


Diese chinesischen Landschaftsmaler, die, wie es heißt, in ihre Landschaft hineingingen und verschwanden. C.D. Friedrich, der auch fern war: Mathis Nithart Grünewald, auch ein schwer begreifbarer; verborgener. Die liebe ich. Diese Maler, die einen leeren Raum um sich zogen, ein Geheimnis hatten, sich absonderten, sich entzogen. (undat.)


Ich mag die Chinesen des 10.-13. Jahrhunderts lieber als C.D. Friedrich, weil sie die reinere Form für den gleichen Inhalt besitzen. Friedrich ist Romantiker. Die Chinesen aber sind keine Romantiker, und auch ich bin es nicht. (1972)



Poetische Gedanken


1920 schrieb ich: Am blauen Himmel ist meine Sehnsucht, in der unergründlichen Bläue. Tiefer Gedanken Ahnen durchzieht meine Seele, wie hinter der unendlichen Bläue die Gestirne ziehen ihre Bahnen. (10.10.60)


Ich kann den Griffel verfolgen, der mich schreibt. (10.1960)


Ich hätte nie gedacht, daß im Willen eine so freundliche Ruhe und Sicherheit liegt. (13.1.61)


Man mag machen, was man will, es muß nur mit Intensität eindringlich und groß, bedeutend, mächtig, ich finde keine besseren Worte, gemacht werden. (25.9.61)


Es ist gesorgt, daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Und keiner kann sich zu seiner Größe eine Elle zulegen oder abschneiden. Es mag ganz im Verborgenen geschehen, wenn etwas gut ist, wird es gesehen und erkannt werden. Es ist gesorgt. (18.5.62)


Auf Genie zu setzen, ist deshalb gut, weil man so völlig vom Genie der künftigen Beschauer abhängt und auf es angewiesen ist. (14.7.62)


Was ich kann, das mach ich, was ich kann, das will ich, was ich will, das mach ich, was mich freut, das mach ich. (28.2.63)


Bedenke, daß das, was Du machst, niemand machen kann, daß Du aus der Zeitlosigkeit, aus den Jahrtausenden kommst, daß Du kein schwimmender Spinner, kein Träumer, sondern ein klarer Formbauer bist. Bedenke dies, gegen jeden eingebildeten Strolch. (1972)


Ich sehe seit jeher ein Ziel vor mir. So ferne hinter Hügeln, Tälern, Wäldern sehe ich es herschauen, weit weg. Da geht kein Weg hin, und wenn ich auf einem Weg dahinginge, käme ich nie hin. Ich muß darauf zugehen, auf Holzwegen und Gradwegen, auf Umwegen und Abwegen und ausgetretenen Wegen. Auf das Ziel los. (18.1.74)


Wann ich meine Früchte bringe, wen geht denn das was an? Ich bin ein Baum so wie Eichen mit mächtigen tiefen Wurzeln, der lang wächst, bis er groß ist und Früchte bringt und der alt wird. Nicht einer von den Bäumen, die vom Sturm umgeweht daliegen, mit den flachen Wurzeln in der Luft, so daß man sich nicht wundert, daß er umgefallen ist. (8.2.74)


Ein Same genügt an der richtigen Stelle. (25.12.74)


Hinter mir ist ein ungeheurer Brocken Geduld, ein Fundament für diesen babylonischen Turm. (4.1.64)


Ein Haustier habe ich, einen Hund, der bin ich selbst. (10. 1960)


Ich bin auf etwas aus, das werde ich erreichen, über alle Umwege, dem bellenden, bissigen Hund zum Trotz. (20.10.60)


Freude spüre ich weniger als Schmerz – ich möchte fast sagen, Schmerzen machen mir mehr Vergnügen. Gib mir die Schmerzen der Freude, das Schwere der Freude. (11.10.74)


Stütze und Stab für meine Sicherheit habe ich nicht. Hinausgestellt bin ich, gehe verbissen dahin, wo keiner geht. Laßt mir wenigstens dies: Wo keiner geht. (9.5.77)


Ich bin der Stein, an den sie stoßen. (5.4.79)


Ich bin gläubig wie irgendein alter Gläubiger, nur glaube ich, daß alles in mich hineingelegt worden ist. (28.3.83)


Bei Zweifeln – wo mehr Liebe ist, dort ist´s richtig. (14.1.86)


Die alten Künstler sind herumgereist, bis sie daheim waren, das war da, wo ihr Publikum war. Auch ich werde herumreisen und endlich daheim sein. (1.1.75)


Es wandelt sich der Himmel, die Sterne wandeln sich, die Erde dreht und dreht sich. Die Lauten fallen, die Stillen steigen auf. (23.4.75)


Von zwei Dingen, wenn man sich nicht entscheiden kann, soll man das schwerere wählen. (15.5.75)


Gut ist es, wenn der einzelne sich mit allen seinen Kräften zu seiner ewigen Natur hin öffnet. (31.5.75)


"Ich vermisse sehr", sagte der Mann zur Tanne, "daß Sie keine Blätter wie es einer ordentlichen Linde geziemt, sondern nur Nadeln haben. Da stimmt etwas nicht." Die Tanne sagte: "Weil mir schon nichts anderes übrigbleibt, da ich nun einmal so gemacht bin, bleibe ich bei den Nadeln und lehne alles Ansinnen auf Blätter ab." (21.10.75)


Immer wieder vergesse ich es: "Ja" heißt das Wort. Ja ist die Sonne. Ja ist die Energie. Das "Nein" macht krank. Mein Ja schafft Menschen. (5.2.76)


Liebe ist das Wesen des Schöpfers (der Antrieb der Energie) und daher der Grund meiner Arbeit. (23.5.76)


Ich will nicht in die ewige Ruhe eingehen, sondern in die ewige Energie. (13.9.76)


Es muß so sein, daß der Mensch in die unermeßliche Liebesenergie hineinstirbt, also in das größte Glück, Wohlsein, Vergnügen. (17.3.77)


Die wahre Würde, die nichts mehr Lächerliches hat, bringt nur der Tod. Er gibt sie jedem. (14.8.75)


Manche von uns sind gemacht, zu sprechen zu den Toten, manche zu sprechen zu den Gegenwärtigen und manche zu sprechen zu den Zukünftigen. (19.7.78)


Die Natur will nicht, daß wir den Tod lieben, darum umgibt sie ihn mit Schrecken, Gestank und Scheußlichkeit. Wir sollen ihn fürchten, denn sie will nur das Leben. (8.2.79)


Das einzige Heilige, das ich sehen kann, ist das Leben. Es ist überall dabei, mischt sich überall ein, macht alles. Erlebt alles, von den Viren bis zum Goethe. Machte alle diese Formen, ist in allen diesen Formen, wirkt mit allen diesen Formen. Ist augenscheinlich eines... Alle haben wir dasselbe Leben, durch uns alle strömt es. Das Leben ist das Glück. (29.10.80)


Das Leben benützt den Körper genau so lange, als es ihn braucht, dann legt es ihn ab. Das Leben, das in allem Lebenden ist, hat auch das Bewußtsein von allem Lebenden. Also ein ungeheures, unendliches Bewußtsein, auch aller Lebenslust. Hölle und Himmel sind ausgesprochen menschliche Erfindungen. (16.11.80)


Ich habe Liebe zur Sehnsucht. Ich mag die Erfüllung auch, aber die Sehnsucht ist mir lieber. Sie ist größer, weiter, phantastischer, glühender. Auch die nach einer Idee, nach einem Phantom. Und das ist gut so. (13.2.81)


Hinter unzulänglichen Ideen, hinter unzulänglicher Sprache eine große Vermutung: Das ist Dichtung, Kunst. (7.5.82)


Bewahre mich, bitte ich das Leben, vor allem diesen Unsinn, der da in meinem Geschäft betrieben wird, laß mich nichts davon hören und sehen! Bewahre Dich selbst, sagt das Leben. (27.5.81)


Das Leben: Das ist die Gottheit. Es ist nicht der Herr, der König, der Weltherrscher, der Vater, der Richter. Nichts von dem. Es ist das Leben. Für jedes Ding das gleiche, überall drinnen, das geliebte Leben. (18.8.82)


Werde ich das erleben, wenn mein Leben zum großen Leben sich wieder vereint? Ich dachte, so wird es sein, so herrlich, so neu, so hinreißend, so erfüllt und so erhaben. (1.12.82)


Wer sich selbst kennt, seine innere Figur und seine Möglichkeiten kühn auslebt und sich nicht um die anderen kümmert, hat seinen eigenen Erfolg. Es scheint nichts leichter als das, aber leider scheint nichts schwerer zu sein. (16.12.82)


Wenn etwas im Kopf zusammenpaßt, paßt es auch in Wirklichkeit zusammen, aber es muß ein guter Kopf sein! (13.5.84)


Schon seit jeher mache ich etwas, das schwer zu sehen und zu erkennen ist. Ich lege größten Wert auf einwandfreies Können und schätze es, wenn es einer größeren Aufgabe dient. Ich bediene mich seiner, um das Unbewußte heraufzubringen. Dies tue ich unter der Metapher der Landschaft. Es ist meine Leidenschaft, und ich habe eine Sucht danach wie ein Säufer nach Alkohol. (1986)


Weil wir alle dasselbe Leben haben und weil ich die Sprache des Lebens spreche, darum versteht mich jeder. (13.2.87)


Jenen, denen ich etwas zu sagen habe, denen ich Glück vermittle, jene hören mich, sie sehen mich, sie werden mich sehen, sie wollen mich sehen. Sie werden alles tun, um mich zu sehen. Dieses, das Glück, zieht sie an. (1.12.78)


Ich sage, daß das Leichte schwer, das Schwere leicht ist, daß es im Säuseln ist, daß das Wasser durch die Finger rinnt, die Luft das Haar bewegt; daß Wasser und Luft die Felsen verändert, die Felsen aber Wasser und Luft nicht verändert haben. (23.1.78)